Wer kennt Jacques Cornu?

Schon seit längerem spielte ich, Louis, mit dem Gedanken ein Interview mit der Schweizer Motorsportlegende Jacques Cornu zu machen. Ich rief bei der Cornu Master School an, um nachzufragen, ob dies möglich sei Freundlich wurde ich darum gebeten eine Mail mit meiner Telefonnummer zu senden. Ein paar Tage später klingelte während der Arbeit mein Telefon. Ich nahm wie immer ab und am Telefon begrüsste mich Jaques Cornu. Man war ich aus dem Häuschen, wir konnten einen Telefontermin abmachen für ein Interview. Ich freute mich riesig darüber und konnte es kaum erwarten.

Jacques und ich haben lange zusammen telefoniert und es war sehr interessant, der Mann hat was zu erzählen. Vielen Dank Jacques für deine Zeit und das spannende Gespräch.

Wer ist Jacques Cornu?

Ich denke ich gehöre zu der Rasse der letzten Mohikaner im Schweizer Motorsport.
Ich hatte eine schwierige Jugend, kein Geld und meine Eltern hatten auch keine finanziellen Mittel. Dafür hatte ich einen grossen Willen vorwärtszukommen und ein grosses Durchhaltevermögen. Zudem spreche ich Deutsch und Französisch, das half mir immer wieder, um international zu profitieren.
Ich bin jemand der Menschen mag und das kommt immer zurück. Ich hatte immer tolle Freundschaften und gute Kollegen, die mir halfen.
Ich habe Automechaniker gelernt. Mit siebzehn reparierte ich ein schrottreifes Auto, das verlor ich aber durch einen Unfall wieder. Mit achtzehn wollte ich mir wieder ein Auto kaufen, aber ich hatte zu wenig Geld. Also fuhr ich jeden Tag Velo.
Nebst meinem Job als Automechaniker, arbeitete ich nach dem Feierabend und an den Wochenenden als Tellerwäscher auf einem Camping. Dadurch konnte ich mir eine 125ccm Honda kaufen. So wurde das Motorrad fahren zur Leidenschaft.

Wie hat deine Karriere angefangen?

Angefangen habe ich mit Strassenmotorräder. Am Anfang bin ich an der Schweizermeisterschaft gefahren und habe da mehrere Titel geholt, in der 250ccm, 350ccm und in der 500ccm Klasse. Im Jahr 1978 habe ich in allen drei Klassen den Schweizermeistertitel gewonnen. Das hat mir leider keine Tür geöffnet für Sponsoren. Es gab ein Schweizer Team, aber das wollte mich nicht, denn ich sah aus wie eine Vogelscheuche (lacht). Also musste ich weiterhin sparen und arbeiten. Ich habe mal ein paar Schuhe, die jemand weggeworfen hat, mitgenommen, weil ich mir keine neuen leisten konnte, denn ich brauchte das Geld für Motorrad fahren.
Wie schon erwähnt hatte ich viele Freunde, die mir halfen. Ich habe ein- bis zweimal im Jahr einen Tanzabend organisiert. Alle haben freiwillig gearbeitet und mich unterstützt. Das hat mir circa fünftausend Franken gebracht, das hat mir extrem geholfen.

Wo hast du am meisten trainiert?

Früher wurde allgemein wenig trainiert. Die einzige Rundstrecke in der Schweiz war der Circuit de Lignières. Da konnte man am Samstagnachmittag trainieren. Es ist eine kleine Rennstrecke, und dadurch sehr gut für die Kondition. Mann musste viel arbeiten auf dem Motorrad.
Später als ich im Werksteam war, war ich Weltweit unterwegs, Japan, Australien und Europa.
Ich bin viele Rennen gefahren und hatte dadurch nicht so viel Zeit um zu trainieren. 1977 nach dem Schweizermeistertitel konnte ich noch nicht für die Weltmeisterschaft fahren, aber ich konnte ein neues Motorrad kaufen. Mit einer 350ccm konnte man, wenn man unter 348ccm hatte bei der 350ccm Klasse fahren. Mit einem Aufbau konnte man die ccm steigern und ab 354ccm konnte man in der 500ccm Klasse mitfahren. So konnte ich im Jahr 1978 mit zwei Motorrädern in drei ccm Klassen starten. In der 250ccm Klasse fuhr ich mit einem Motorrad. Mit dem zweiten Motorrad fuhr ich die ersten sechs Rennen des Jahres in der 350ccm Klasse, da musste ich immer erster sein oder weit vorne dabei. Mitte Jahr habe ich das Motorrad aufgebaut, sodass ich in der 500ccm Klasse starten konnte. So fuhr ich mit demselben Motorrad die letzten sechs Rennen in der 500ccm Klasse, auch dort war ich immer vorne dabei oder habe gewonnen.
So konnte ich in einem Jahr, mit zwei Motorrädern drei Schweizermeistertitel holen.

Was waren die besten Momente deiner Rennkarriere?

Mein erster GP-Sieg ist unvergessen. Es gab aber auch viele andere großartige Momente. Ich erzähle einfach mal.
1981 war ich finanziell am Anschlag. Ich hätte beinahe meine Karriere beenden müssen, denn ich wollte mich nicht verschulden. Ich hatte aber wieder einmal viel Glück.
Eines Tages rief mich Fritz Egli, vom Schweizer Egli Motorrad Rennteam an. Sein zweiter Fahrer hatte Unfall und fiel aus. So fragte er mich, ob ich als zweiter Fahrer, mit Max Nöthiger als erster Fahrer am Langstreckenrennen am Nürburgring mitfahren kann.
Ich kannte den Nürburgring schon und war froh über die Anfrage. Bis dahin war ich nur mit meiner 350ccm gefahren, bei Egli fuhr ich also das erste Mal eine 1000ccm Kawasaki Rennmaschine, das war schon etwas anderes. (lacht) Ich sagte ja, denn für mich war es eine Riesenchance so ein Motorrad fahren zu können und sonst wäre 1981 meine Karriere zu Ende gewesen.
Am Nürburgring angekommen fuhr ich im Training die viert- oder fünftschnellste Zeit. Bei Honda fuhr Mike Baldwin, er war im Training erster mit ungefähr vier Sekunden Vorsprung auf alle anderen. Hinter ihm waren wir zeitlich alle nahe beieinander. Max Nöthiger, mein Teamkollege fuhr im Training auf den sechzehnten Platz.
Abgemacht war, dass Max den Start macht und ich das Motorrad als zweiter Fahrer übernehme. Doch kurz vor dem Start kam Fritz Egli zu mir und sagte, ich solle den Start machen. Ich wurde nervös, denn beim Rennen musste man über die Strecke zum Motorrad rennen und es starten. Ich hatte das vorher noch nie gemacht und musste mir alles noch erklären lassen.
Also rannte ich beim Start los zum Motorrad. Ich war mir von meinen Zweitaktern gewohnt beim Starten etwas Gas zu geben, das musste man aber bei dem Viertakter nicht. Leider habe ich das nicht gewusst, so lief das Motorrad nicht richtig an und ich fuhr erst als sechzehnter los. Es lief aber gut und ich war schnell. Nach der ersten Runde war ich schon auf dem zweiten Platz. Als ich auf die Zielgerade fuhr, sah ich Baldwin auf dem ersten Platz am Ende der Zielgerade. In der zweiten Runde holte ich ihn ein und fuhr sieben Sekunden schneller als der bisherige Rundenrekord auf dem Nürburgring. Runde drei und ein Teil von Runde vier fuhr ich in seinem Windschatten. Vor der Schikane, bevor man in die Box fährt, überholte ich ihn und bremste ihn aus. So fuhr ich als erster in die Box und Team Egli war als erster klassiert. Nachher fuhr Max, leider fiel er um, somit war das Rennen gelaufen.
Später habe ich in der Zeitung gelesen, dass Kawasaki einen Rennfahrer für das offizielle Werksteam sucht. Also rief ich an und fragte, ob ich für sie fahren dürfe. Meine Zeiten, die ich am Nürburgring gefahren habe, haben die in Japan gesehen und waren offenbar beeindruckt. So kam ich zum Kawasaki Werksteam für Langstreckenrennen. Wir wurden 1982 Langstreckenweltmeister.
Meine Leidenschaft war aber immer der GP. Da der Vertrag mit Kawasaki nur für Langstreckenrennen war, konnte ich trotzdem mit meiner 250ccm Yamaha GP fahren. Ich konnte wegen der Langstreckenrennen nicht alle GP-Rennen fahren. Das machte mich etwas traurig, aber das war halt so, weil ich unter Vertrag war.
1983 fuhr ich immer noch Langstreckenrennen mit einer 1000ccm, aber auch GP mit der 250ccm Zweitakter.
Ich konnte, egal in welcher Kategorie ich fuhr, immer vorne dabei sein. Das bedeutete aber auch, dass ich zwei Jahre lang nur am Rumreisen war ohne jegliche Pausen. Das war schon etwas mühsam, denn Langstreckenrennen brauchen viel Energie. Aber ich war noch jung, also schon dreissig. (lacht)

Mit einer Kawasaki hast du deine grössten Erfolge gefeiert. Ist Kawasaki dadurch deine Lieblingsmarke oder hat sich das über die Jahre geändert?

Ich war 1983 mit der Kawasaki der Schnellste, ich war immer 1-1.5 Sekunden schneller als die anderen. Leider fiel mein Teamkollege oft um, darum wurden wir in diesem Jahr nicht Weltmeister. Ende 1983 hörte Kawasaki auf mit Langstreckenrennen.
Nun hatte ich wieder dasselbe Problem wie schon öfters vorher, ich hatte kein Team und kein Geld für die Saison 1984. Allerdings hatte ich wieder einmal Glück und zwar am Hockenheimring an einem GP-Rennen.
Das Schweizer Team, das mich nicht wollte, weil ich aussah wie eine Vogelscheuche, wollte sich vergrössern. Sie brauchten einen Sponsor. Parisienne sponserte zu diesem Zeitpunkt noch kein Rennteam. Also lud der Chef des Teams, Herr Métraux, die Chefetage von Parisienne an das Rennen in Hockenheim ein. In der Schweiz durfte man zu dieser Zeit keine Tabakwerbung im Sport machen, es durften aber die Bilder vom Ausland verwendet werden.
Am Abend vor dem Rennen hat Métraux seine sechs Rennfahrer den Leuten von Parisienne vorgestellt. Mich natürlich nicht, denn ich war privat dort als Fahrer.
Mein Mechaniker und ich schauten uns die anderen Rennen auf der Tribüne an, ganz in der Nähe der Parisienne Leute. Es kamen viele Leute zu mir und wollten Autogramme oder ein Foto. So haben die Parisienne Leute bemerkt, dass ich deutsch und französisch spreche. Danach haben Sie Métraux gefragt, wieso er mich nicht vorgestellt hat. Seine Antwort war: Habt ihr die grosse Vogelscheuche auf dem Motorrad gesehen?!
Ungefähr 1-2 Wochen später rief mich Métraux an - nach fünf Jahren in denen er mich nicht im Team wollte. Er fragte mich, ob ich nach Lausanne kommen könne, um alles zu klären, sodass ich bei ihm im Team fahren könne. Ganz freiwillig war das natürlich nicht. Parisienne wollte mich als Fahrer und da er den Vertrag mit Parisienne wollte, musste er mich ins Team holen. Das hat er mir allerdings nie gesagt. Er als Geschäftsmann von einer grossen Firma konnte sich mit mir als Vogelscheuche nicht identifizieren. Als ich im Team war, schaute er darauf, dass ich anständiger rumlaufe und mich normal anzog. In der gleichen Zeit hatte ich auch bereits meine Frau und die Kinder, das hat natürlich auch geholfen beim anständiger rumlaufen. (lacht)
Wir hatten grossen Erfolg und gewannen GP-Rennen oder waren gut klassiert. Einmal nach einem GP-Rennen kam ich vom Podest runter und Métraux sagte zu mir: Zum Glück habe ich dich ins Team geholt. Zuerst bin ich Yamaha gefahren und danach Honda.
Eine Lieblingsmarke hatte ich eigentlich nie, ich hatte mit diversen Marken Glück und alle haben mir geholfen.

Die Cornu Master School hast du im Sinne der Verkehrssicherheit gegründet, wurde das zu dieser Zeit in der Schweiz als sinnvoll angeschaut oder hattest du Startschwierigkeiten?

Ich war immer bereit weiterzuschauen und hatte mich auch auf ein Ende meiner Rennkarriere vorbereitet.
1982 war ich in Suzuka am Langstreckenrennen, dort habe ich beim Honda Center gesehen, wie Sie Leute auf dem Motorrad schulen. Das hat mich fasziniert. 1983 war ich wieder dort und hatte meine Kamera dabei. Ich bin im Honda Center vorbei gegangen, konnte Fotos machen und mit Verantwortlichen sprechen. Da kam der Gedanke, dass ich nach meiner Rennkarriere Motoradschulungen machen möchte. Danach lief es aber im GP so gut, dass ich die Unterlagen in eine Schublade legte. Sechs Jahre später, als ich aufhörte, nahm ich die Unterlagen wieder hervor und überlegte mir, wie ich das machen sollte. 1991 habe ich das Konzept erstellt und alles geplant. 1992 ging es dann richtig los.
Viele haben gesagt Cornu macht das nur ein zwei Jahre Jetzt über dreissig Jahre später ist die Schule immer noch da und das sehr erfolgreich.
Angelaufen ist die Schule super, ich war populär und das hat mir geholfen. Alle wollten Kurse bei mir machen. Am Anfang musste ich den Leuten zum Teil sagen, dass sie für ihre Sicherheit kommen und nicht um Rennfahrer zu werden.
Ich musste durch meine ganze Karriere lernen, wie man ein Motorrad beherrscht und so lernte ich, wie viele Unfälle verhindert werden können, wenn die Leute das Motorrad beherrschen.

Was waren die Momente in der Cornu Master School, die dir am meisten geblieben sind?

Ich habe einen ganzen Ordner mit Briefen von Kunden. Viele schreiben von Unfällen, die sie gehabt hätten, wenn sie die Kurse nicht besucht hätten.
Viele Leute sagen nach dem Kurs, dass sie gedacht hätten, sie führen gut Motorrad, aber bis jetzt haben alle etwas gelernt.
Es ist schön zu sehen, wie die Leute mit mehr Sicherheit nach Hause gehen.

Jeden Tag Motorrad zu fahren und anderen zu vermitteln, wie man es am besten macht, kann anstrengend werden. Hat es auch Momente gegeben, wo du keine Lust mehr hattest?

Ich habe so viel gearbeitet in meiner Karriere, Überstunden, Wochenenden und ohne Ferien. Bis ich 67 Jahre alt war, habe ich gearbeitet. Irgendwann ist es genug. Die Jungen müssen auch arbeiten. (lacht)
Ich habe es sehr gerne gemacht, aber irgendwann ist es auch schön aufzuhören. Ich bin froh, dass Elvir die Schule übernommen hat und es gut läuft.

Ich selbst fahre auch auf der Rennstrecke. Was ist dein Tipp an einen jungen Hobbyrennfahrer, um schneller zu werden?

Man muss eines verstehen, man kann viele Fahrer und Motorräder nehmen, alle lernen verschieden schnell. Irgendwann kommt man an seine Grenzen. Darum muss man ständig üben und trainieren, um weiterzukommen. Sicherheit ist immer das Wichtigste.
Allgemein ist es in der Schweiz sehr schwierig Rennfahrer zu. Auch wenn man viel Geld hat, das ist nicht alles. Ohne Geld kann man es vergessen, aber mit Geld ist auch nicht sicher, dass man es schafft. (lacht)
Darum habe ich gesagt, dass ich einer der letzen Mohikaner bin bei der ersten Frage.




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