Im Motorradparadis bei Niggi

Was ich mir unter dem Paradies vorstelle, kommt der Garage von Niggi erstaunlich nahe. Vor ein paar Wochen durfte ich Niggi in seiner Garage besuchen. Er erzählte mir viel über sein Leben mit und auf Motorrädern.

Die Garage von Niggi ist eine romantische Liaison zwischen einer Werkstatt und einer Motorradausstellung. Seine Motorräder sind feinsäuberlich und wohlüberlegt in der ganzen Werkstatt verteilt. An den Wänden hängen unzählige eingerahmte Bilder und Texte, zu den Motorrädern, aber auch zu Niggi. Zwischen den Motorrädern steht eine Werkbank. Wenig überraschend hat auch hier alles seinen Platz, und man könnte ohne Bedenken auf der Werkbank essen.

Nach der ersten Runde durch die Garage beginnt Niggi zu erzählen, und ich höre zu.

Niggi: Ich fahre mit dem Motorrad viel ins nahe Elsass, nach Saint Ursanne und Saint Hippolyte. In Saint Ursanne gibt es ein Restaurant, in dem ich immer einen Kaffee genieße. Irgendwann saß der Erbacher Jöggä auch dort und genoss einen Kaffee. Wir kamen ins Gespräch, und ich fragte ihn gleich nach seinem BMW Gespann. Er habe es noch, und fragte im Gegenzug gleich nach meiner Rennmaschine, einer Guzzi. Auch ich war noch im Besitz dieses Motorrads und schlug einen Tausch vor. Ihm war aber wichtig, dass er viel Geld in das Gespann investiert hatte, was bei mir nicht anders war. Ich hatte an der Guzzi alles selbst gemacht. Der Tausch kam zwei Wochen nach der Kaffeepause in Saint Ursanne zustande. Danach habe ich noch einiges am Gespann gemacht, und anders als heute war es damals nicht so einfach, an Teile zu kommen. Ich habe eine Riesenfreude daran, und ich würde gerne einmal mit diesem Motorrad nach Garmisch Partenkirchen an das größte BMW Treffen in Europa fahren.

Wir drehen uns um und stehen vor einem etwas kleineren roten Motorrad.

Luki: Was ist das denn? Eine MV?
Niggi: Eine MV Agusta 350 Ipotesi. Ich habe sie umgebaut. Ich hänge dir kurz ein Bild vom Original ab, dann kannst du sie ganz genau anschauen. Die Originale hatte mir nie gefallen. Bei meiner habe ich nun eine richtige Stummelanlage, neue Schwinge, hinten Trommelbremse anstelle der Scheibenbremse. Den Heckbereich hatte ein Kollege gebaut, außerdem Hochschulterfelgen und eine Magni Auspuffanlage. Aber dieses Motorrad möchte ich verkaufen, denn ich fahre sie nicht mehr, und meine Jungen wollen sie nicht. Für mich ist es aber ein wunderschönes Motorrad.

Wir gehen weiter vorbei an unzähligen Bildern.

Niggi: Bei den Bildern hier drinnen achte ich sehr darauf, wie sie an der Wand hängen. Ich teste es meistens zuerst auf dem Boden. Dafür klebe ich die Konturen der Wand mit Malerklebeband auf dem Boden ab und schaue dann, wie ich die Bilder aufhängen will.

Nun kommt dieser hier. Das ist eine normale 250er BMW, eine BMW R26. Sie ist aus dem Jahre 1956 also drei Jahre jünger als ich. Zwei meiner Herrenabendkollegen hatten damals mit so einer Maschine zu fahren begonnen. Ich dachte mir an einem schönen Tag, kaufe ich mir mal eine. Und so kam es dann auch. Nun muss ich an der BMW R26 nur noch die Kupplung machen.

Weiter geht es zur MV Agusta 125. Vorne bei der Front ist alles faul. Zusammen mit einem Kollegen aus dem Turnverein, der mir beim Übersetzen half, nahmen wir Kontakt zu einem Italiener auf. Dieser baut viele Teile selbst nach. Nun sind die Ersatzteile auf dem Weg. Zum Beispiel für die gesamte Bremsanlage der MV Agusta 125 hatte man hier in der Schweiz nichts mehr bekommen, und dieser Kollege aus Italien hat vieles nachgebaut.

Dieses Motorrad habe ich zu meinem 40. Geburtstag geschenkt bekommen. Hier siehst du mich im Keller meines damaligen Hauses im Elsass. Ich baute eine Bühne mit einem Vorhang, dahinter stand dann diese Maschine.

Luki: Du hast sie dir selbst geschenkt?
Niggi: Nein, die Kameraden gaben alle einen kleinen Teil dazu, und ich selbst musste etwa 500 Franken beisteuern. Weißt du, wenn ich etwas mache, dann mache ich es meistens richtig.

Gut, dann geht es weiter.

Das war der erste Weltmeister auf einer MV Agusta 125. Cecil Sandford war der erste Weltmeister auf einer MV Agusta. 1952 gewann er mit einer 125er die Weltmeisterschaft.

Luki: Hatte MV Agusta den zweiten Weltkrieg überlebt?
Niggi: Sie begannen nach dem zweiten Weltkrieg mit dem Bau von Motorrädern. 1945 wurde das erste gebaut und 1946 vorgestellt.

Luki: War es bei MV so wie bei Piaggio? Die hatten vor und während dem Krieg Flugzeuge gebaut, das durften sie nach dem Krieg nicht mehr und bauten aus den Flugzeugteilen dann Vespas.
Niggi: Ja genau, MV Agusta hatte vor, während und nach dem Krieg Helikopter gebaut.

Das ist Mischa, mein Sohn. Für ein paar Jahre lebte er mit seiner Familie in Australien und hat auch dort unser gemeinsames Hobby ausgiebig ausgelebt. Mit seiner Ducati hat er fast die Staatsmeisterschaften in Victoria gewonnen – leider ist beim letzten Rennen ein kleines Malheur passiert und ein Highsider warf ihn ab. So langte es nur für die Vizemeistershaft. Das Highlight war jedoch sein Gastrennen bei den Australian Superbike im Rahmen der World Superbike auf Philipp Island (siehe Bild). Ohne die finanziellen Möglichkeiten und ohne jegliche Unterstützung eines Mechanikerteams, konnte er sich trotzdem qualifizieren. Auch ohne Punkte, war dieses Rennen ein riesiges Erlebnis!

Wie gesagt, mein Sohn wanderte nach Australien aus. Er besuchte mich zuvor im Elsass und erklärte mir, dass er in drei bis vier Monaten nach Australien auswandern würde. Ich forderte ihn auf, mir zu sagen, welches Motorrad ihm am besten gefällt. Für ihn war gleich klar, es ist die Laverda 750 SFC. Sie hat auch seinen Jahrgang, 1975. Ich antwortete ihm: „Weißt du was, du kannst sie mitnehmen, ich schenke sie dir.“ Geplant war, dass er für immer in Australien bleibt. Nach fünf bis sechs Jahren kam er zurück, und so kam die Laverda auch wieder zurück.

Niggi: Also die Laverda ist etwas ganz Besonderes. Mit dieser Maschine fuhr ich durch jede Kurve wie auf Schienen. Kennst du den Egli?
Luki: Ja, den kenne ich.
Niggi: Der Egli hatte gesagt, man fahre auf einem Egli Motorrad wie auf Schienen. So war es mit der Laverda. Wenn ich damals Honda- oder Kawasaki-Motoren anschaute, das waren ja Todesmaschinen, Kraft bis ans Ende. Als die 900er mit vier Zylindern von Kawasaki herauskam, sagte ich zu meinen Kollegen: so viele PS werde ich in meinem Leben nie fahren. Und es kam, wie es kommen musste, ich kaufte mir eine MV Agusta 1000 F4 und hatte auf einmal fast doppelt so viele Ps!

Der Container, der die Laverda damals von Australien zurück in die Schweiz brachte, war verloren gegangen. Sie suchten ihn drei bis vier Monate auf der ganzen Welt. Als mein Sohn den Container endlich wieder hatte und öffnete, meinte er zu mir: „Papi, du darfst dich nicht erschrecken.“ Die Verschalung war total verbogen, weil die Maschine in einer Ecke des Containers lag. Als wir sie damals nach Australien schickten, bauten wir eine große, stabile Holzkiste, kein Zentimeter konnte sich bewegen, bis sie drüben in Australien war. Aber die Leute in Australien, die sie für die Reise in die Schweiz verladen hatten, nahmen alte Seile und machten zum Schutz eine Kartonschachtel darum. Du kannst dir vorstellen, wie lange sie gerade gestanden hat, nicht sehr lange.

Luki: Wo wurde der Container wiedergefunden?
Niggi: Das weiß ich nicht, irgendwo auf der Welt.
Luki: Fiel er vom Containerschiff?
Niggi: Nein, sie haben den Container verhünert, verloren. Mein Sohn und seine Familie lebten drei Monate nur aus dem Koffer, der Rest war mit der Laverda in diesem Container. Nun ist sie wieder repariert und sieht wieder gut aus. Original hatte sie eine Zwei-in-eins-Auspuffanlage.

Jetzt wird es interessant. Ich bin ein Fan von MV Agusta und auch von einem alten Mann, «Arturo Magni». Das war der letzte Rennleiter von MV Agusta. Auf diesem Bild waren wir in einer Villa in Italien und haben dort mit dem MV Club Italien Weihnachten gefeiert. Der Besitzer der Villa war der letzte Graf Agusta, er erzählte uns vom Büro des MV Agusta Chefs. Dort stand ein Pult und dahinter all die gewonnenen Pokale. Der damalige Graf Agusta saß hinter dem Tisch, und davor stand ein Ledersessel. Kein einziger Rennfahrer, erzählte ein Nachkomme der Agusta Familie, nicht einmal Agostini, durfte in diesen Sessel sitzen. Alle mussten dahinter stehen bleiben. Es durfte nur einer sitzen, und das war Arturo Magni.

Hier waren wir, mein Bruder und ich, an einer Motorradausstellung und konnten ein Foto mit Arturo machen.

Nun zu einem anderen besonderen Menschen, Luigi Taveri. In seiner Zeit war Motorradfahren noch viel gefährlicher als heute. Viele Strecken führten durch Wälder, und es gab immer wieder Tote unter den Rennfahrern. Daher versprach er irgendwann seiner Frau, damit aufzuhören. Sie liebte ihn sehr und bemerkte bald, dass er ohne das Rennen fahren unglücklich war. Deshalb schrieb sie heimlich einen Brief an Soichiro Honda, den damaligen Besitzer und Gründer von Honda. Daraufhin wurden sie nach Tokio eingeladen, und Taveri bekam die Honda, mit der er später dreimal Weltmeister wurde. Von dem Brief seiner Frau wusste er lange nichts.

Da er in der Nähe von Zürich wohnte, riefen wir ihn einfach an und fragten, ob wir ihn besuchen dürften, wir hätten gerne ein paar Fotos von ihm. Er freute sich und sagte, wir sollen vorbeikommen. Bei ihm angekommen gab er mir zwei Schuhkartons voller Fotos und meinte, wir dürften sie mitnehmen. Später machten wir mit diesen Fotos eine Fotowand. Bei der Einweihung war Taveri auch anwesend. Darauf war ich sehr stolz.

Luki: Wer ist das hier mit der Startnummer zwei?
Niggi: Das war Giacomo Agostini.
Das hier war auch Agostini. Das ist Alina, mein Großkind, und das bin ich.
Weißt du, wie alt Agostini gerade ist? Der ist jetzt, ich denke, 82, weil er auf diesem Foto 80 war. Das Fest war 22, also ist er jetzt 83.

Und zu diesem Bild gibt es eine schöne Geschichte. Ich fragte mein Großkind, ob es mit mir auf die Bühne stehen und den ganzen Kram, den ich erzähle, ins Englische übersetzen würde. Es war meine Abschlussrede. Sie willigte ein. Am Morgen, weil wir nicht Motorrad fahren waren, wir waren mit dem Auto da, hatten wir Zeit für das Frühstück.

Luki: Welcher Anlass war das?
Niggi: In St. Wendel war das Jahrestreffen des MV Agusta Clubs Deutschland. Wir saßen an einem der letzten Tische, an dem man noch frühstücken konnte, die anderen Tische waren schon eingedeckt für das Mittagessen. Wir saßen also an diesem Tisch, mein Bruder, meine Enkelin und ich. Einer kam noch später als wir, Giacomo Agostini. Er fragte uns, ob er sich zu uns setzen darf. Wir waren hoch erfreut. Meine Enkelin fing gleich an, mit ihm zu sprechen, und ich verschwand schnell im Hotelzimmer, um ein paar Sachen zu holen, die er unterschreiben könnte. Agostini war ganz normal und hatte mit meiner Enkelin herumgeblödelt. Und wenn er mich jetzt sieht, grüßt er mich immer nett.

Alles ist sicher nicht erzählt, aber das Wichtigste. Ich bin sehr dankbar, dass ich in diese interessante Welt eintauchen durfte. Es waren unterhaltsame und unvergessliche Stunden.

Hier gehts zum MV Agusta Club Schweiz: www.mvagustaclub.ch




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